Pressemitteilung: Offener Brief an die Ahmadiyya-Gemeinde

16.04.2007: Thomas Birk, Sprecher für Lesben- und Schwulenpolitik, erklärt: In ihrem Jugendjournal hat die Ahmadiyya-Gemeinde behauptet, es gäbe einen Zusammenhang zwischen Schweinefleischverzehr und Homosexualität. Auf diese absurde Äußerung hat die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen mit einem offenen Brief an den Imam der Berliner Gemeinde Abdul Basit Tariq reagiert.

Darin bestärken wir zwar unsere Solidarität für den Moscheebau in Heinersdorf. Gleichzeitig wird deutlich gemacht, dass der Inhalt des Artikels so nicht hinnehmbar ist, da mit solchen Behauptungen die Diskriminierung von Lesben und Schwulen bis hin zur Gewalt geschürt, statt ihr entgegengewirkt wird. In dem Brief machen wir dem Imam ein Gesprächsangebot, um sich mit ihm über Homosexualität auseinander zu setzen.

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OFFENER BRIEF IM WORTLAUT:

Betr.: Artikel über Schweinefleisch im Jugendjournal 26

Sehr geehrter Herr Tariq,
wie Sie wissen, setzen sich Bündnis 90/Die Grünen, auch die Fraktion im Abgeordneten­haus, sehr dafür ein, dass Ihre Gemeinde eine Moschee in Heinersdorf errichten kann. In dieser Frage haben Sie unsere Solidarität. Diese wird aber arg strapaziert, wenn wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass in einer Jugendpublikation der Ahmadiyya-Gemeinde gegen Schwule gehetzt wird.
Der ansonsten in einem wissenschaftlichen Stil gehaltene Artikel: "Glücksschwein oder arme Sau" in der 26. Ausgabe des Jugendjournals Ihrer Organisation stellt einen direkten Zusammenhang des Verzehrs von Schweinefleisch und Homosexualität dar.

"Wohlgemerkt: "Der Mensch ist, was er isst". Auch lässt sich dieser Aphorismus beziehen auf die Auswirkungen von Schweinefleischverzehr auf das menschliche Moralverhalten, denn ein schamloses Tier, wie das Schwein prägt oder unterstützt die Ausprägung gewisser Verhaltensweisen des Konsumenten. Ähnliches wird auch durch die Sentenz "mens sana in corpore sano" ersichtlich. Unser geliebter vierter Khalifa, Hazrat Mirza Tahir Ahmad (möge Allah Gefallen an ihm finden und seiner Seele gnädig sein) äußerte in dem Zusammenhang, dass er den zunehmenden Hang zur Homosexualität mit dem Schweinefleischverzehr in unserer Gesellschaft in Verbindung setzt. Eine Korrelation zwischen Nahrung und Auswirkung auf den Konsumenten erklärte auch der Verheißene Messias (Friede sei auf ihm) in seinem Werk "Die Philosophie der Lehren des Islam", indem er auf den oben aufgeführten Qur-ân-Vers 116 der Sure 16 einging und schrieb, dass das Fleisch des Schweins, dieses in Unrat lebenden Tieres dem menschlichen Körper und der menschlichen Seele nur Schaden bringen kann."

Im Kontext mit dem zweiten Zitat wird Homosexualität auch noch in direkten Zusammenhang mit Unrat gebracht, in dem Schweine leben. Diese Konnotation ist für mich nicht hinnehmbar. Als offen schwuler Politiker setze ich mich seit Jahren dafür ein, dass das Zusammenleben von heterosexuellen und homosexuellen Menschen, gleich welcher Herkunft, mindestens von Toleranz, bestenfalls von Akzeptanz geprägt wird. Gerade Jugendliche islamischer Glaubensrichtungen sind häufig nicht bereit, Lesben und Schwule zu tolerieren. Es kommt deswegen auch immer wieder zu gewaltsamen Übergriffen von muslimischen Jugendlichen gegenüber Lesben und Schwulen. Wenn Jugendliche solche Texte lesen, müssen sie den Eindruck bekommen, Homosexuelle seien minderwertige Menschen. Solche Texte sind dazu geeignet, die Diskriminierung von Lesben und Schwulen bis hin zur Gewalt zu schüren, statt ihr entgegenzutreten.
Es gibt auch in islamisch geprägten Ländern, in denen grundsätzlich kein Schweinefleisch gegessen wird, Homosexuelle. Sie sind und bleiben es auch dann, wenn ihnen dafür hohe Strafen drohen, denn Homosexualität lässt sich nicht unterdrücken. Wir wissen wenig über die Ursachen von Homosexualität, aber dass sie vom Verzehr von Schweinefleisch kommt, halte ich für die absurdeste Behauptung, die ich je gehört habe.
Es gibt viele Möglichkeiten, sich mit dem Phänomen der Homosexualität auseinander zu setzen. Ich bin gern bereit, eventuell auch mit Vertreter/innen von Lesben- und Schwulenorganisationen, mit Ihnen darüber zu diskutieren.
Berlin ist eine Stadt der Vielfalt. Vielfalt kann aber nicht heißen, dass sich eine Gruppe über die andere stellt, sondern dass es mindestens ein gleichberechtigtes, toleranzbetontes Nebeneinander, am besten aber ein akzeptanzbereites Miteinander geben sollte.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Birk
Mitglied im Abgeordnetenhaus von Berlin
Sprecher für Lesben- und Schwulenpolitik

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